Über das Festival

Das ID Festival wurde 2015 mit dem Ziel gegründet, israelischen Künstler*innen eine Plattform zu bieten, auf der sie ihre Werke einem lokalen Publikum präsentieren können. Das »israelisch-deutsche« Festival hebt die Verbindung zwischen dem »I« und dem »D« als Paradigma der Hoffnung, des Wandels, der Toleranz und des Verständnisses hervor. Es fördert die Zusammenarbeit zwischen israelischen und lokalen Künstler*innen und Kunstinstitutionen, wobei auch Brücken zu anderen Minderheiten in Deutschland gebaut werden sollen.

Absurd

/əbˈsəːd/ (Adj.) der Vernunft widersprechend, widersinnig, abwegig oder sinnlos. Das Absurde zeigt sich, wenn wir nach einem Sinn suchen, aber nur Sinnlosigkeit vorfinden. Es ist nicht verwunderlich, dass Zeiten des größten Irr-Sinns die Literatur des Absurden als Genre wachsen und gedeihen ließen: Vor allem die Zeit des Faschismus während des Zweiten Weltkriegs  veranlasste Autor*innen, Konzepte des Absurden in ihre Literatur einfließen zu lassen.

Die ersten Texte, die sich mit dem Absurden befassten, erschienen bereits im 19. Jahrhundert. Als Zweig der Philosophie erreichte der Absurdismus seinen Höhepunkt Mitte des 20. Jahrhunderts. Natürlich hat sich die Welt seither verändert und das kritische Verständnis von Texten aufgrund des aktuell weltweiten Trends zum Populismus weiterentwickelt. Wir verfügen auch über neue analytische Werkzeuge, die es damals noch nicht gab, wie die sozialen Medien:

»Are we talking about connecting people or are we talking about harmonizing people? Connectivity does not mean harmonizing. How do we make sense of this world, which is more connected than ever, but at the same time is building more walls than ever before?« (Yuval Noah Harari im Gespräch mit Mark Zuckerberg, 26.4.2019, YouTube, 314.671 views)

Im Kontrast zu Denker*innen wie Noah Harari hat der absurde Text eine eigene innere Logik, die nicht der Weltordnung Newtons folgt. Es gibt kein Telos und keine Ziele, die erreicht werden sollen, keinerlei Begründung oder Bedeutung. In der Welt der absurden Texte gehen Pläne oftmals schief.  Die beschriebenen Situationen sind oftmals grotesk:

»[D]ie Königin [bemerkte:] […] Ich bin hundert und ein Jahr, fünf Monate und einen Tag alt.« »Das kann ich nicht glauben, «sagte Alice. »Nicht?« fragte die Königin mitleidig. »Probier es noch einmal; atme tief und schließe die Augen.« Alice lachte. »Probieren nützt nichts. Unmögliche Dinge kann man nicht glauben.«

»Du hast es wahrscheinlich niemals geübt,« sagte die Königin. »In deinem Alter habe ich es jeden Tag eine halbe Stunde lang getan. Manchmal hatte ich schon vor dem Frühstück sechs unmögliche Dinge geglaubt.« (Alice im Spiegelland, Lewis Carol, 1871)

Im Ha’aretz las ich beim Frühstück von einer gemeinsamen Militärübung der israelischen und deutschen Armee sowie der NATO in Bayern. In einem Kriegsspiel simulierten die Soldat*innen die Übernahme eines Dorfes. Gideon Levy schrieb hierzu:

»Es gibt Kriegsgefangenenlager mit Stacheldrahtzaun in dem Spiel, aber man darf keine israelischen Soldaten ergreifen. […] Einmal wollten US-Soldaten einige Soldaten des IDF zusammentreiben, und die Israelis mussten ihnen erstmal erklären, dass sie dieses Spiel nicht mitspielten. Außerdem machten die Israelis freitags und samstags keine Übungen.« (Wenn israelische Soldaten neben deutschen in bayerischen Gräben liegen, Gideon Levy, Ha’aretz Magazine 23.4.2019)

Eine Spezialeinheit von Kampfhunden wurde ebenfalls in die Übungen miteinbezogen. Levy kommentierte:

»2019. Ein israelischer Soldat befehligt einen deutschen Kampfhund auf Deutsch, in Deutschland, nicht allzu weit von Nürnberg, der Stadt der Gesetze und Prozesse. Zum Glück war der Hund kein deutscher Schäferhund, wie damals.«

Im Kontext der deutsch-israelischen Beziehungen ist es absurd das Jetzt mit dem Damals zu vergleichen. Das Jetzt steht für ein wundersames Paradigma der Hoffnung. Innerhalb einer Generation hat sich in Israel die öffentliche Meinung über Deutschland radikal verändert – in Tel Aviv liegt Berlin, vor nicht allzu langer Zeit noch ein Ort des Schreckens, jetzt total im Trend als DER Spot-to-be. Die Spannung zwischen dem I und dem D existiert dennoch nach wie vor – gerade wegen der Geschichte. Diese Spannung dient oftmals als Katalysator für charmante Absurditäten:

»Wir gehen nicht, weil wir die Familie nicht zerstören wollen. Aber abgesehen von den Steuern streben wir danach, in den Köpfen der jungen Generation fest zu verankern, nicht hier zu bleiben. Jede [von uns] hat ihren deutschen Pass! Das ist unsere Versicherung.« (username: mein Vater hasst Israel, Ha’aretz online, 17.03.2019, talkback #5).

Jedes Jahr zum Holocaustgedenktag tönen Sirenen um genau 10 Uhr morgens durch Israel. Jede Person steht für zwei Minuten still. Alle Fahrzeuge halten an und die Fahrer*innen steigen aus, um sich den Fußgänger*innen in dieser kurzen stillen Meditation anzuschließen. Israel hat, wie auch Deutschland, eine starke Erinnerungskultur. Dennoch gibt es in Israel immer wieder Menschen, die aus Gründen der Bequemlichkeit ihre eigene Geschichte vergessen. In einer der vielen Reden zum Gedenktag sah ich, auf den Tag genau, heute vor drei Jahren, wie der stellvertretende Stabschef des IDF Yair Golan einen Karriereselbstmord beging, als er die Haltung im heutigen Israel mit den »grauenvollen Trends« im Deutschland der 30er Jahre verglich:

»Es ist beängstigend zu sehen, wie die entsetzlichen Entwicklungen, die in Europa stattgefunden haben, beginnen, sich hier zu entfalten.« (General Yair Golan)

In der für 2020 geplanten ID Festival Ausgabe werden wir einige Arbeiten des Kanons des Absurden präsentieren und sie durch die Prismen der Gegenwart betrachten. Wir werden moderne Texte einbringen und älteren gegenüberstellen, absurde Situationen und Bühnen entwerfen, absurde Gedanken teilen und reflektieren sowie mit neuen, absurden Performance-Formaten überraschen. Ultimatives Ziel und Herausforderung zugleich wird es sein, die Besucher auf eine Reise mitzunehmen, die das Absurde erfahrbar werden lässt.

~ Ohad Ben-Ari, Gründer & Künstlerische Leiter


Unsere Geschichte

© Bureau Hoyer

2015-2018: Identity-Migration-Integration?-Next Generation

2018 haben wir uns mit dem Thema Next Generation befassen: mit jungen Künstler*innen und neuen Talenten (Künstler*innen), neuen Wegen, die klassischen Ideale zu interpretieren (Formate), sowie neuen Arten und Weisen, sich auf die Welt zu beziehen (Themen).

© Adar Aviam & Charlotte Sauvaget

Im Jahr 2017 beschäftigte sich das ID Festival 2017 mit dem Thema „Integration?“, In dem unsere beteiligten Künstler und Denker die Umsetzung der europäischen Ideale durch Kunst diskutierten.

© Adar Aviam & Charlotte Sauvaget

Im Jahr 2016 wollten wir besonders die Auswirkungen der verschiedenen Migrationsbewegungen in und aus Deutschland auf die israelische Künstlergemeinschaft untersuchen. Wir warfen einen genauen Blick auf den daraus resultierenden Austausch, die Beziehungen, Auseinandersetzungen und Veränderungen in den verschiedenen Kunstdisziplinen und Medien.

© Adar Aviam & Charlotte Sauvaget

Seit unserem Festivalstart im Jahr 2015 war es unser Ziel, das Konzept der Identität zu erforschen. Die teilnehmenden israelischen Künstler begaben sich auf eine Reise der Selbsterforschung, die durch eine scheinbare Identitätskrise verursacht wurde.